Die Blutritter

Dokumentation

  • Erstausstrahlung:
  • Länge: 86 Minuten
  • Regie: Douglas Wolfsperger

Produktion

  • Eikon Südwest GmbH
  • Produktionsjahr: 2004
  • Produzent: Ulli Pfau

Kontakt

  • Ulli Pfau
  • EIKON Media GmbH
    Film- und Fernsehproduktion
    Bergmannstrasse 102
    10961 Berlin
  • Tel. +49-(0)30-695 372-0
  • info@eikon-film.de

Eine Koproduktion der EIKON Südwest mit dem Bayrischen Rundfunk und 3sat, gefördert von der MFG Baden-Württemberg und dem FilmFernsehFonds Bayern.

It's showtime, folks: 3000 Reiter, 30000 Zaungäste, viel Pomp, die himmlische Botschaft, eine handfeste Legende, ein echter Tropfen vom Blute Jesu Christi...
Einmal im Jahr, am sogenannten Blutfreitag, machen die Bewohner von Weingarten mit der größten Reiterprozession der Welt ihr oberschwäbisches Städtchen zur Hauptstadt wilder Wonnen. Anlass ist eine seit Jahrhunderten sorgsam gehütete Reliquie, die laut Legende einen Tropfen vom Blut des Gekreuzigten enthält. Zweifel an der Echtheit? Ausgeschlossen! Die Protagonisten des für Außenstehende skurrilen, für Beteiligte geradezu existenziell wichtigen Schaureitens sind die Helden des Films. Was sie umtreibt, worin sie ihren Lebenssinn sehen, worüber sie sich aufregen und woran sie sich erfreuen, was sie lachen lässt und was nachdenklich schweigen, das offenbart Regisseur Douglas Wolfsperger in seiner launigen, sich ganz auf die Gangart des Lebens der Weingärtner einlassenden, doch sich ihnen nie anbiedernden Dokumentation. Metzger, Bäcker, Krankenpfleger, Rentner und Bestatter, Imker, Abt und ein schwules Pärchen enthüllen ihre Welt und ihre Weltsicht. Der Film nutzt dies, um gleichsam nebenbei, mit leichtfüßiger Selbstverständlichkeit ein Bild deutschen Lebens um die Jahrtausendwende zu skizzieren.
Mit unverstelltem Blick und neugierig auf das Fremde im Alltäglichen, gelingt Douglas Wolfsperger ("Bellaria- so lange wir leben") ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama. Neben den Porträtierten, seinen wichtigsten Partnern, fand er in Komponist Haindling, alias Hans-Jürgen Buchner, und Kameramann Igor Luther ("Die Blechtrommel") engagierte Mitstreiter. Mit "Die Blutritter" gelingt ihnen ein Film, der, fern von volkstümelnder Frömmelei, dem Volk aufs Maul schaut.

INTERVIEW MIT DOUGLAS WOLFSPERGER

Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden und wie waren die verschiedenen Stadien der Realisierung?
Die Idee ist schon sehr alt. Ich bin ja ins Internat der Benediktinerabtei in Weingarten gegangen und wollte eigentlich schon mit zwölf einen Film über den Blutfreitag drehen. Ich hatte so eine kleine Kamera und habe mir auch schon ausgedacht, was und wie ich das drehen wollte. Es wäre vermutlich so ein ironischer Pennälerspass geworden. Dann habe ich aber diese ganze Welt und alles was damit zusammenhängt völlig vergessen gehabt. Erst als ich mit meinem Spielfilm HEIRATE MIR 1999 in das örtliche Kino eingeladen wurde und seit langer Zeit mal wieder durch Weingarten gelaufen bin, ist mir das Thema wieder ins Blickfeld geraten und hat mich dann auch nicht mehr losgelassen.
Wie lässt sich die Haltung beschreiben, mit der Sie diesen Film jetzt angegangen sind?
Das Ereignis, diese riesige Reiterprozession des Blutfreitags, ist ja eigentlich nur der Aufhänger, um interessante Lebensgeschichten zu erzählen, die auf verschiedene Weise damit verknüpft sind. Es ging mir auch darum, diese Menschen mit ihrem Glauben und den Traditionen, um die herum sie ihr Leben aufgebaut haben und tagtäglich gestalten nicht abzutun sondern ernst zu nehmen. Da tut sich ein riesiges Spektrum auf, zwischen Aufgeklärtheit, Toleranz, Orthodoxie und einer unbeirrbaren Glaubenswilligkeit. Ich wollte wissen: wie leben diese Leute, wie sieht deren Alltag aus. Darüber bin ich dann zum Hauptereignis, dem Blutfreitag gekommen, der eben für die, die daran teilnehmen wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen ist.
Fühlten Sie sich in der Arbeit mehr als Fremder mit einem ethnologischen Blick oder auch als Einheimischer?
Wenn ich mit einem ganz fremden Blick dahin gegangen wäre, dann würde ein Film wie DIE BLUTRITTER gar nicht funktionieren. Die Menschen, denen ich dort begegne würden mich auch gar nicht annehmen wollen oder können. Das fängt schon bei den sprachlichen Barrieren an - fahren Sie einfach nur mal da runter und versuchen die Menschen zu verstehen. Die Oberschwaben sind schon sehr zurückhaltend und vorsichtig, da muss man die gleiche Sprache sprechen - im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn - , damit sie einen so schnell, wie das für einen Film notwendig ist an sich heran lassen.
Es scheint, dass Sie bei der Besetzung Ihrer Protagonisten auch ein bisschen gegen den Strich üblicher Vorurteile gearbeitet haben. Es gibt zum Beispiel diesen Metzger, der für einen besonnenen, fast sanften Umgang mit seinen Tieren plädiert und so geradezu kurios wirkt, denn wenn's ans Schlachten geht ist er ja doch das, was er eben ist: Metzger.
Ganz früh stand für mich fest, dass ich in einem Schlachthaus drehen wollte. Weil das mit dem Thema Blut verbunden ist. So habe ich einfach Witterung aufgenommen, und dass ich dann relativ schnell bei meinem Herrn Bendel gelandet bin war mehr oder weniger Intuition. Irgendwann mal, nachdem wir im Vorfeld alles besprochen hatten, sind wir mit dem Kamerateam angekommen und plötzlich stand da ein achtjähriger Junge und mischte so richtig mit bei der Schlachterei, rührte mit einer Kelle im Blut, die länger war als er selbst und so weiter. Uns sind die Augen übergegangen weil wir das noch nie gesehen hatten, dass so ein kleiner Bub mitten in der Schlachterei harte Arbeit macht. Das war für die aber selbstverständlich. Und da hat der Metzger hinterher nach dem Drehtag plötzlich reflektiert und überlegt, ob das eigentlich gut war, wie das gelaufen ist und ob vielleicht irgend etwas zu sehen war, das vielleicht nicht in Ordnung war…
Sie stellen ein bestimmtes Spektrum an Persönlichkeiten vor. Hat sich das selbstverständlich ergeben oder durch Aussieben aus einem viel größeren Kandidatenkreis?
Das war erst mal immens schwierig. 3.000 Reiter, fast ausschließlich Männer, nehmen am Blutfreitag teil und weit über 10.000 Pilger zu Fuß. Der harte Kern der Personen, die beim Blutfreitag eine wichtige Rolle spielen lebt in einem Umkreis von rund 100 km von Weingarten. Es war natürlich schwierig zu entscheiden, wo ich anfange, aber noch viel schwieriger war es, den Punkt zu setzen, an dem ich aufhöre. Irgendwann hatte ich einen bestimmten Kreis unterschiedlicher Personen beisammen, von denen ich glaubte, meine Geschichte so erzählen zu können, wie ich mir das ungefähr vorgestellt habe. Dabei ging es mir auch darum, dass unterschiedliche Handwerke in meinem Film vorkommen - unter so einem Aspekt habe ich auch gesucht - und dass die Protagonisten darüber ihre Gegend und deren Eigenheiten repräsentieren. Denn die Ausübung eines Handwerks, dieser Stolz, die Haltungen, die daraus erwachsen und auch die Eigenheiten, die sich damit verbinden, das spielt in diesem Landstrich immer noch eine große Rolle.
Und wie kam Ihr "Indianer" in den Film?
Ich bin bei einer meiner Recherche-Reisen übers Land gefahren, und da stand in einem Dorf in der Nähe von Weingarten ein Hinweisschild zu einem Museum für Indianistik. Bei so etwas stutzt man halt, oder man stutzt nicht. Ich habe gestutzt, bin hingefahren, habe mir das Museum angeschaut und habe mit dem Menschen geredet, der das macht. Dabei stellte sich heraus, dass er nicht nur dieses Museum aufgebaut hat, sondern auch Bestattungsunternehmer ist und interessante Einstellungen zum Thema des heiligen Blutes vertritt.
Wie wollen Sie es bewerkstelligen, es sowohl den Aufgeklärten wie den orthodoxen recht zu machen?
Es geht nicht darum, es jemandem recht zu machen, sondern auf vertrauensvoller Ebene miteinander umzugehen. Ich will die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu ihrem Recht kommen lassen. Wenn ich in die Begegnungen meiner Filme hineingehe und drehe, dann bin ich eigentlich ganz offen. Mir sind interessante Menschen wichtig. Mit diesem Grundsatz kann man, glaube ich, viel anstellen. Dann kann man auch einiges überhöhen. Ich werde nie in ein Gespräch gehen und mir zum Beispiel sagen: "Jetzt führen wir diese bigotte Katholikin doch mal vor."
Trotzdem merkt man ja immer auch so ein ironisches Blitzen. Manchmal nur ein Blitzen, manchmal aber schon ein etwas längeres Leuchten. Zum Beispiel diese Situation, in der der Bäcker-Junggeselle mit zwei Bekannten auf einer Bank sitzt und die drei Ihnen etwas erzählen. Rechts sitzt der Bäcker, links ein anderer Deutscher und in der Mitte eine Schwarze, bei der sich im Lauf des Gesprächs heraus stellt, dass sie mit dem links sitzenden den der beiden Männer verheiratet ist. Es geht um alles Mögliche, auch um die Vorteile von schwarzen gegenüber weißen Frauen und um das Verständnis von Ehe. Man kann sich vieles über dieses Paar ausmalen, ohne dass es thematisiert würde. Mann und Frau sind auch, vielleicht zufällig, vielleicht nicht, im Partnerlook mit weißer Hose und rotem Top bzw. rotem Hemd gekleidet. Die Frau sagt gar nichts, macht aber den Eindruck, dass ihr die ganze Situation ziemlich ungemütlich ist, und sie hat dabei die ganze Zeit ihre Hand auf dem Oberschenkel des Bäckers, mit dem sie nicht verheiratet ist, liegen.
Es war so, dass wir bei diesem lebenslustigen Bäcker in der Backstube gedreht haben. Er hat mir dann zu Verstehen gegeben, dass er gleich Besuch kriegt und dann keine Zeit mehr hätte. Dann haben wir zufällig gesehen, wie der Besuch kommt, also dieser Mann im roten Hemd mit seiner Frau im roten Top. Da bin ich neugierig geworden und habe gefragt, ob die beiden denn auch etwas mit dem Blutfreitag zu tun hätten. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Besucher auch Blutreiter ist. Also haben wir die Kamera wieder ausgepackt und sind auf die Veranda des Bäckers gegangen. Da saßen die drei auf dieser Bank, und die Hand der Frau lag tatsächlich auf dem Oberschenkel des Bäckers. Das war etwas Authentisches und Alltägliches, das sich gerade ereignete, und wir hatten Glück dabei zu sein. So etwas kann man nicht nachstellen, und das ist natürlich ein großer Glücksmoment beim Drehen eines Dokumentarfilms.
Es gibt eine Lebensgeschichte, die etwas heraus fällt aus dem Kreis der anderen. Es ist die des textilen Restaurators Jürgen Hohl. Während sie die Biographien der anderen eher bündig und aus einem Guss präsentieren, haben Sie bei Herrn Hohl gewissermaßen getrennt in ein erstes und ein zweites Leben, als Einschnitt das schwule Coming Out. Was waren Ihre dramaturgischen Überlegungen dazu?
Das hat sich einerseits erst im Schneideraum ergeben, hat aber auch etwas damit zu tun, wie in dieser Region mit der Homosexualität umgegangen und wie sie betrachtet wird. Die Homosexualität wird sehr stark ausgegrenzt und ist vielleicht genau deshalb sehr präsent. Man kann spekulieren, in wie weit das mit dem immer noch bestimmenden Einfluss des Klosters zusammen hängt. Ich wollte durchaus, dass man da mögliche Querverbindungen spürt, aber es ist nicht das Zentrum des Films.
Wie haben Sie die Musik entwickelt? Sie klingt manchmal nach Nino Rota oder auch nach Ennio Morricone - also ganz groß.
Mit Haindling, der die Musik komponiert und eingespielt hat, habe ich jetzt schon zum dritten Mal zusammen gearbeitet. Ich möchte unsere Arbeit als ein stilles Einverständnis beschreiben: er schaut sich den Film an, wir reden über eine Instrumentierung, dann setzt er sich hin und schreibt die Musik. Irgendwann spielt er mir Passagen am Telefon vor, und das war' s dann. Ich kann mir eigentlich nichts anderes vorstellen. Ich mag dieses Synthesizer-Geschwurbel nicht, das man so oft in Filmen hört, und da hab ich in Haindling, glaube ich, jemanden mit der absolut gleichen Wellenlänge gefunden.
Sie arbeiten manchmal mit sehr gesättigten Landschaftstotalen. Diese Sequenzen scheinen mir fast wie nachträglich koloriert. Wie haben Sie die aufgenommen?
In meinen Augen ist das einfach ein gesegneter Landstrich. Die Farbigkeit, die dort herrscht, die findet man so in Norddeutschland gar nicht. Wenn man im Frühjahr durch diese Gegend fährt, da sieht man zwangsläufig Felder, die den Endruck machen, als hätte sie jemand sehr großzügig und mit einem unglaublichen Gespür für Farben angemalt. Dieser Eindruck verstärkt sich vielleicht noch durch das Cinemascope-Format. Aber wir haben nichts nachträglich bearbeitet oder forciert.

  • RegieDouglas Wolfsperger
  • AutorDouglas Wolfsperger
  • KameraIgor Luther
  • SchnittGötz Schuberth
  • TonSteffen Graubaum
  • ProduzentUlli Pfau
  • RedaktionHubert von Spreti, Walter Greifenstein (BR), Thomas Janssen (3Sat)

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